Welten weiterdenken

Meine erste Geschichte, die ich online veröffentlicht habe, die eine Leserschaft hatte und bei der es Rückmeldungen von Lesern und einen Austausch über Inhalte gab, war eine fanfiction zu J.K. Rowlings Harry Potter mit dem pairing Harry/Draco. Damals war ich zwanzig Jahre alt. Vorher habe ich zwar auch schon einige Schreibversuche unternommen, die von ein paar wenigen Freunden gelesen wurden, aber das war das erste Mal, dass fremde Menschen eine Geschichte von mir lasen und Interesse dafür zeigten. Für mich war das eine unheimlich tolle Erfahrung, auch wenn ich mich erinnere, dass ich damals bei jedem neuen Kapitel, das ich hoch lud gezittert habe, weil ich fürchtete, dass sich herausstellen würde, dass ich gar nicht schreiben kann und niemand mein Geschreibsel lesen möchte. Zum Glück hatte ich damals sehr wohlwollende Leser und auch wenn ich heute manchmal denke, dass ich wirklich jedem dankbar sein muss, der sich durch meinen noch nicht besonders ausgefeilten Schreibstil hindurch gearbeitet hat, waren die Rückmeldungen zum größten Teil positiv und haben mir Mut gemacht.

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Fanfiction war somit für mich ein Weg, zu einer Gemeinschaft zu gehören, denn damals wie heute war der Harry Potter fandom ein sehr großer und produktiver. Bevor ich mich selbst an eine fanfiction gewagt habe, habe ich sehr viele gelesen und war vollkommen fasziniert von der Möglichkeit, die Welt, die ein Autor erschaffen hat, weiter zu schreiben und sie  dabei auch anders zu interpretieren oder zu verändern. Mich hat damals schnell das pairing Harry/Draco in seinen Bann geschlagen und bis heute ist dieses zwar bekannte und im fandon auch sehr beliebte ship zwar natürlich niemals canon geworden, bleibt aber dennoch mein liebstes pairing, zu dem ich immer mal wieder zurückkehre.

Schon als Kind hat mich der Satz fasziniert, den Michael Ende immer wieder in seinem Roman “Die unendliche Geschichte” verwendet, wenn er einen potentiellen neuen Erzählstrang öffnet: “Aber das ist eine andere Geschichte  und soll ein andernmal erzählt werden.” Ich habe mir damals vorgenommen, all diese Geschichten irgendwann weiter zu erzählen. Das habe ich zwar nie getan, aber dafür habe ich inzwischen schon viele andere Geschichten weiter gesponnen. Desto mehr Leerstellen eine Handlung hat, desto faszinierender und hintergründiger die Charaktere einem erscheinen, desto spannender ist es, fanfiction darüber zu verfassen. Und auch wenn einige Autoren das anders sehen finde ich, dass es das größte Kompliment ist, das man einem Werk machen kann.

Was ich außerdem unglaublich spannend finde ist, dass fanfiction es einem ermöglicht, Dinge aus anderen Perspektiven zu sehen. So sind es ja oft Nebencharaktere oder auch Antagonisten, denen fanfictions gewidmet werden. Deren möglicher Hintergrund wird genauer beleuchtet und plötzlich entwickelt man vielleicht Verständnis oder gar Sympathie für einen Charakter, der einen bis dahin abgestoßen hat. So ging es mir bei “Harry Potter” zum Beispiel mit Draco, den ich bis zum Lesen der fanfictions gehasst habe. Oder auch mit Severus Snape, der für mich schon viel facettenreicher wurde, ehe ihm Rowling ebenfalls menschlichere Züge gab.

Insgesamt sehe ich fanfiction als eine große kreative Bereicherung für die literarische Welt. Und auch wenn sich das Phänomen erst durch das Internet so weit verbreitet hat, gab es natürlich schon immer Autoren, die ein Werk als Inspiration genommen haben oder auch Elemente darin aus einem anderen Blickwinkel zeigen wollten. So wird zum Beispiel die Vorgeschichte von Rochesters geistesgestörter Frau “Bertha” aus Charlotte Brontes “Jane Eyre”in Jean Rhys’ Roman “Wide Sargasso Sea” beleuchtet.

Aber gerade den Austausch zwischen Lesern und Autoren, bei dem sich meist ein fanon herausbildet, mit Elementen, die in vielen Geschichte immer wieder kehren, so dass im Grunde wiederum eine eigene Welt erschaffen wird, finde ich absolut bemerkenswert. Dass mich eine Geschichte wirklich in ihren Bann schlägt, merke ich oft daran, dass  ich fanfiction dazu lese.

Ein weiterer Aspekt, den ich dabei positiv finde ist, dass häufig gleichgeschlechtliche Paare im Zentrum von fanfictions stehen. Da diese immer noch unterrepräsentiert sind, sowohl in populären Romanen, als auch in Filmen und Serien, sind fanfictions eine gute Möglichkeit auch diese Beziehungen, die ja nicht weniger wahrscheinlich oder glaubwürdig sind als heterosexuelle Paare, einen Raum zu geben. Ein wenig wird damit sogar gegen eine heteronormative Weltsicht angekämpft. Einen Wechsel desBlickwinkels vorzunehmen ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch trainieren sollte und fanfiction kann eine Möglichkeit sein, dies zu tun.

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