Was fesselt uns?

Immer mal wieder denke ich darüber nach, was es eigentlich ist, was mich an Geschichten fesselt, zum Weiterlesen verleitet oder auch dazu führt, dass ich noch Monate oder vielleicht sogar Jahre später darüber nachdenke. Natürlich interessiert mich das auch deswegen, weil ich diese Elemente gern in meine eigenen Geschichten einbinden möchte, um sie zu verbessern, aber auch um selbst mehr Spaß am Schreiben zu haben.

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Bei jedem Menschen sind es vermutlich andere Dinge, die ihn faszinieren. Ich stelle immer wieder fest, dass es für mich vor allem Charaktere sind, die mich in eine Geschichte hineinziehen. Wenn ich einen Charakter wirklich spannend oder sympathisch oder in manchen Fällen auch eher unsympathisch aber gleichzeitig interessant finde, dann besteht eine sehr hohe Chance, dass ich die Geschichte weiter verfolgen möchte, da ich den Protagonisten durch alles was ihm widerfährt begleiten möchte. Mir ist es hierbei nicht unbedingt wichtig, dass ich mich mit dem Charakter identifizieren kann. Im Gegenteil sind es oft Figuren, die ganz anders sind als ich selber, an denen ich sogar viele Eigenschaften eher negativ finde, die mich besonders schnell in ihren Bann schlagen. So ging es mir zum Beispiel bei der Titelheldin von “Anna Karenina”, bei Raskolnikow in “Schuld und Sühne” oder auch bei Scarlett O’Hara in “Vom Winde verweht”. Ich mag es durchaus, wenn Charaktere ihre Ecken und Kanten haben und ich kann es überhaupt nicht ausstehen, wenn einem ein Charakter als übermäßig sympathisch oder liebenswert angepriesen wird, mit dem man nichts anfangen kann. Das ist einer der schnellsten Wege, um mich zu verjagen.

Natürlich gibt es auch Charaktere, die man vom ersten Satz an mag, mit denen man mitleidet und mitzittert. Dadurch, dass man Harry Potter bereits als Baby kennen lernt und weiß, wie er aufgewachsen ist, ging mir seine ganze Geschichte nahe. In “Stolz und Vorurteil” war mir die Heldin Elizabeth Bennett ebenfalls von Anfang an sympathisch, da sie so ganz anders ist, als ich es von einem Buch dieser Zeit erwartet habe: eigensinnig und klug und nicht vollkommen in den Werten und Normen ihrer Gesellschaft gefangen. Wenn mich ein Hauptcharakter, oder manchmal ist es auch ein Nebencharakter, wie Samweis in “Der Herr der Ringe” wirklich berührt, dann möchte ich ihn auch durch seine Geschichte begleiten.

Was mich ebenfalls schnell in eine Geschichte hineinziehen kann ist eine toll kreierte Atmosphäre. Ich lese immer wieder, dass man sich nicht zu lange mit der Beschreibung von Landschaften und Wetter aufhalten soll, aber da bin ich altmodisch. Ich mag es, wenn es in Geschichten regnet, schneit oder gewittert, weil mir das so ein angenehm kuscheliges Gefühl gibt. Aber auch die Beschreibung einer Landschaft, die dazu führt, dass man alles genau vor Augen sieht, kann mich total in ihren Bann ziehen. Möglich, dass das nicht reicht um mich eine komplette Geschichte lang zum weiter lesen zu bringen, aber mein Interesse wird damit auf jeden Fall geweckt. Und es gibt einige Beispiele, in denen mich tolle Beschreibungen immer wieder fasziniert haben. In Steinbecks “Jenseits von Eden” zum Beispiel oder in “Der Herr der Ringe” oder auch die urigen Beschreibungen von Terry Pratchett. “Sturmhöhe” von Emily Bronté ist ein weiteres Beispiel in dem ich die Beschreibungen der Moorlandschaft extrem aussagekräftig finde.

Als das sicherste Element um einen Leser bei der Stange zu halten wird ja oft sehr gerne Spannung angegeben. Ich muss sagen, dass ich finde, dass dieses Thema mittlerweile ein wenig überreizt ist. Zu viele Verwicklungen, die am Ende manchmal noch nicht einmal komplett aufgeklärt werden, verwirren mich zum Beispiel eher. Es nervt mich, wenn ich das Gefühl habe, dass Informationen absichtlich zurück gehalten werden, obwohl die Protagonisten sie leicht beschaffen könnten, nur weil sie dem Leser noch nicht bekannt werden sollen. Auch wenn sich die Ereignisse ständig überschlagen und dem Helden ein Unglück nach dem anderen widerfährt kann mich das nur begeistern, wenn es tatsächlich gut gemacht ist und ich schon so viel in die Figuren investiert habe, dass es mir auch wichtig ist, was mit ihnen geschieht. Natürlich gibt es Beispiele, in denen das hervorragend gemacht wurde. Für mich zum Beipiel in “The Hunger Games” von Suzanne Collins. Katniss gerät zwar immer wieder in Gefahr und hat kaum Zeit zum Durchatmen, aber hier ist mir die Heldin bereits schnell so ans Herz gewachsen, dass ich wirklich atemlos weitergelesen habe und das Buch bis zum Ende nicht weglegen konnte.

Hin und wieder kommt es auch vor, dass ich ein Werk vor allem deswegen lese, weil mir der Stil unglaublich gut gefällt. Das ist vor allem oft bei Klassikern der Fall. Goethe, Schiller und Shakespeare wollten zwar zu ihrer Zeit ebenfalls ihre Leser unterhalten, heutzutage lese ich ihre Literatur aber meistens nicht weil mich der Inhalt so sehr fesselt, sondern weil ich die Eleganz ihres Schreibstils mag. Auch bei moderneren Autoren wie Oscar Wilde ist das für mich der Fall, obwohl ich seinen Werken auch ansonsten viel abgewinnen kann.

Dennoch habe ich im Großen und Ganzen festgestellt, dass es für mich Charaktere sind, die mich vor allem faszinieren. Zum Beispiel begleite ich lieber Tom Sawyer dabei, wie er einen Nachmittag lang einen Zaun streicht oder Rico aus Steinhöfels “Rico, Oscar und die Tieferschatten” dabei wie er herausfindet, wem eine Nudel gehört, die er auf der Straße gefunden hat, als dass ich einem Charakter, der mir nichts bedeutet beobachte, während er eine gesamte feindliche Armee auslöscht oder einen Drachen zähmt.

Es würde mich sehr freuen zu hören, was euch an einer Geschichte fesselt.

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