Die Faszination des Gegenspielers

Ohne Zweifel ist in den allermeisten Geschichten die Rolle des Antagonisten fast genauso wichtig, wie die des Helden oder der Heldin. Ganz klar, denn eine Geschichte lebt nun mal von Spannung und wie sollte diese entstehen, wenn es nichts gibt, gegen das die Protagonistin sich zu Wehr setzen muss, das dem Hauptcharakter immer wieder Steine in den Weg legt.aas_2018_maerz01

Das führt natürlich dazu, dass man sich als Schreiber extrem viele Gedanken um seine Antagonisten macht und die Darstellung dieser hat sich im Laufe der Zeit natürlich auch gewandelt. Ich bin allerdings der Meinung, dass es schon sehr früh interessante Gegenspieler gab und nicht erst in modernen Romanen.

In den frühen Epen und Heldensagen, wie zum Beispiel der „Odyssee“ oder dem „Nibelungenlied“ ging es darum, dass der tapfere Held immer neue Abenteuer bestreiten und Feinde besiegen musste, um zu überleben oder ein Ziel zu erreichen. Seien es Drachen, die bekämpft werden mussten oder einäugige Riesen. Auf jeden Fall war klar zu unterscheiden, wer gut und böse war, zu wem man halten musste und wer am Ende gewinnen würde. Diese Art der Aufteilung hielt sich lange aufrecht und ist zum Beispiel auch noch in „Der Herr der Ringe“ zu erkennen, wo Sauron als das namenlose Böse fungiert, etwas, das so düster ist, dass es jeglicher Beschreibung entbehrt und gegen das die Helden, so tapfer und entschlossen sie auch sein mögen, keine Chance zu haben scheinen.

Aus meiner Sicht muss ich sagen, dass ich dieses Konzept der Darstellung eines Gegenspielers noch immer ansprechend finde. Es hebt einfach unglaublich die Spannung, wenn es so wirkt als hätte die Heldin oder die Heldengruppe im Grunde nicht die geringste Chance und es wirkt umso ergreifender, wenn sie es dann trotzdem irgendwie schaffen. Deswegen bin ich auch nicht unbedingt der Meinung vieler Schreibratgeber, dass man einem Gegenspieler immer eine gute Hintergrundstory geben muss, dass seine Handlungen auf gewisse Art nachvollziehbar oder zumindest im Ansatz erklärbar sein sollten, um ihn interessant zu machen. Je nach Art der Geschichte finde ich es manchmal auch ganz angenehm, einfach mal einen „Schurken“ zu haben, der eben von Grund auf böse ist.

Auf der anderen Seite muss ich natürlich zugeben, dass es unglaublich interessant sein kann, über einen Gegenspieler zu lesen, der selbst von Zweifeln geplagt ist, dessen Geschichte ihm vielleicht keine andere Wahl gelassen hat, als zu dem zu werden was er ist, oder dessen Perspektive man sogar zu einem gewissen Grad verstehen kann. Ich finde, dass sich zum Beispiel J.K. Rowling bemüht hat, Lord Voldemort als einen komplexen Charakter zu zeichnen, auch wenn in diesem Fall der Hang zum Bösen ja bereits in seiner Kindheit offensichtlich angelegt war. Dennoch gab die Hintergrundgeschichte von Tom Riddle meiner Meinung nach mehr Tiefe. Umso mehr bedauere ich es, dass es in ihrer Welt bis zum Schluss so blieb, dass die Slytherins im Grunde alle von Natur aus hinterhältig und gemein waren, etwas das mich besonders entsetzt, da es sich dabei ja noch um Kinder handelt. Auch wenn die Malfoys und vor allem ja Draco bis zu einem gewissen Grad rehabilitiert wurden, wird mich das immer ein wenig stören.

Unglaublich spannend finde ich auch das Konzept, einen „villain“, (so das englische Wort für Schurke, das mit deutlich besser gefällt) bis zu einem gewissen Grad zur Hauptperson zu machen, wie es zum Beispiel in der genialen Serie „Hannibal“ passiert. Ich war mir komplett sicher, dass ich niemals auch nur das geringste Verständnis für einen Kannibalen aufbringen könnte, aber Hannibal zieht einen so sehr in seinen Bann, dass er es zumindest geschafft hat mich extrem zu faszinieren. Ich glaube allerdings, dass dieses Konzept, einen Täter als Hauptfigur agieren zu lassen, nur relativ selten funktioniert, denn ich habe diese Variante erst sehr selten gelesen. Das Comic „Watchmen“ könnte man vielleicht noch als Beispiel nennen, da zumindest Ozymandias und der Comedian eindeutig eher der „dunklen“ Seite zuzuordnen sind. Interessant in diesem Zusammenhang natürlich auch die Geschichte „The Tell-Tale Heart“ von Edgar Allan Poe, die aus der Sicht eines Mörders erzählt ist, genau wie seine Geschichte „ A Cask of Amontillado“. Als weiteres Beispiel könnte hier noch „Interview mit einem Vampir“ von Anne Rice genannt werden, wo man meiner Meinung nach so sehr in die Sichtweise der Vampire hineingezogen wird, dass man sie gar nicht mehr als „böse“ empfindet. Außerdem fungieren sie tatsächlich als Protagonisten und nicht als Gegenspieler.

Ein sehr interessantes und meiner Meinung nach gelungenes Beispiel für einen modernen in sich zerrissenen Antagonisten ist Kylo Ren aus den neuen Star Wars Filmen (Episode 7 und 8). Er ist ganz eindeutig der Gegenspieler der Helden und hat sich für die dunkle Seite entschieden, fühlt sich aber gleichzeitig zum Licht hingezogen. Anstatt, dass er dadurch weniger bedrohlich wirkt, werden seine Handlungen erratisch und stellenweise deutlich schockierender, als wenn er eindeutig auf der dunklen Seite stünde. Gerade die Tatsache, dass er noch etwas Menschliches hat, macht seine Handlungen umso grausamer, so wie man auch generell die Handlungen eines Menschen grausam findet, im Gegensatz zu denen eines Tieres, das keine andere Möglichkeit hat. Ich muss sagen, dass mir gerade dieser Charakter gezeigt hat, dass es wohl wirklich eine extreme Bereicherung sein kann, einen Antagonisten auszugestalten und ihm eine Hintergrundgeschichte zu geben, ohne dass er dadurch sein gefährliches Potential abgeschwächt werden muss.

Eine weitere spannende Möglichkeit, einen „Gegenspieler“ darzustellen, ist es natürlich den Helden selbst auch sein eigener Antagonist sein zu lassen. Da es ja auch in der Realität so ist, dass man selbst oft sein eigener größter Feind und Kritiker ist und es mehr die eigenen Gedanken und Gefühle sind, die einen zerstören als alles andere, ist das im Grunde eine sehr realistische Variante. Auch diese Version gab es bereits bei Edgar Allan Poe, zum Beispiel in „The Fall oft the House of Usher“. Zu lesen, wie jemand von seinen eigenen Dämonen aufgefressen wird, oder diese besiegt, kann absolut nervenaufreibend sein und grenzt oft schon an Horror. Sehr gut fand ich zum Beispiel Shirley Jacksons „The Haunting of Hill House“ oder Ki Longfellows „Houdini Heart“. Oft wird dies natürlich metaphorisch dargestellt, wie in „The Book of Lost Things“ von John Connolly oder „A Monster Calls“ von Patrick Ness.

Welche Art von Antagonisten findet ihr am interessantesten und habt ihr einen oder mehrere Favoriten?

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