Schreiben und Verantwortung

Eines möchte ich gleich vorwegsagen: Mir ist natürlich völlig bewusst, dass es legitim ist, zu Schreiben und zu unterhalten und dass dies seit Jahrhunderten der wertvolle Hauptzweck vieler Romane und Theaterstücke ist. Selbst Klassiker, die wir heute eher als dröge empfinden, wie zum Beispiel Richardsons Briefroman „Pamela“ hatte einst den Zweck Menschen zu unterhalten. Und Shakespeare, der natürlich immer noch großartig ist, ja sowieso.Photo by Joshua McKnight on Pexels.com

Trotzdem finde ich es wichtig sich auch mal die Frage zu stellen, ob man als Schreibender, ganz egal in welcher Form nicht auch immer eine gewisse Verantwortung hat. Für Journalisten ist das oft mit Sicherheit sogar eine extrem wichtige Frage und kann auch der Antrieb für diesen Beruf sein. Aber selbst ich als fanfiction Schreiber mit minimaler Reichweite finde, dass ich mich dem Nachsinnen darüber nicht ganz entziehen kann oder sollte. Ganz sicher ist es so, dass die Art wie Dinge in geschriebenen Werken dargestellt werden – und dazu gehören auch Drehbücher für Hollywoodfilme – einen enormen Einfluss auf die wahrgenommene Realität haben.

Ich bin zum Beispiel der Meinung (und damit bei weitem nicht allein), dass das Konzept von Liebe, das viele Menschen heute haben, ihr Vorbild in Hollywood Filmen hat. Dass die Realität dann nicht an die Vorstellung herankommt, kann natürlich zu Enttäuschungen führen.

Noch viel drastischer finde ich allerdings die Tatsache, dass ganze Menschengruppen aus populären Filmen und Literatur ganz oder nahezu ganz ausgeklammert werden. Zwar ist in den letzten Jahren eine minimale Verbesserung zu bemerken und es gibt nicht durchgehend Protagonisten, die männlich, weiß und heterosexuell sind, die große Masse gehört aber eben doch genau in dieses Schema. Oder es ist ein einziges Merkmal, das anders ist.

Es gab ja jetzt kürzlich sogar endlich mal zwei Superhelden Filme mit Protagonistinnen („Wonder Woman“ und „Captain Marvel“) und auch „Black Panther2 war ja absolut überfällig, aber unter den ursprünglichen „Avengers“ befindet sich gerade mal eine einzige Frau.

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Man kann über die neuen Star Wars Teile geteilter Meinung sein, aber was Diversität angeht haben sie anderen populären Filmen ihrer Zeit eine Nase voraus und das ist mir extrem positiv aufgefallen. Zu meinem Schrecken musste ich sehen, dass gerade das von einigen fans kritisiert wurde.

Der Grund warum ich mich hier zunächst auf extrem bekannte Hollywood Filme beziehe ist, dass diese eben die größte Reichweite haben und uns am meisten beeinflussen. Ich habe das an mir selber gemerkt, dass ich mir potentielle Helden lange Zeit zunächst männlich und weiß vorgestellt habe, was ich im Nachhinein ziemlich erschreckend finde. Ich glaube aber, dass da tatsächlich eine Art Gehirnwäsche stattfindet. Ich denke auch, dass uns gleichzeitig unendlich viel verloren geht, wenn wir diese Vielfalt, die es auf unserem Planeten gibt, nicht abbilden. Ich denke hier wäre ein Punkt, wo durch kleine Veränderungen ein größeres Verständnis und auch ein höheres Maß an Zusammenarbeit ermöglicht werden könnte, was unbedingt notwendig ist, wenn wir unseren Planeten noch eine Weile zu bewohnen gedenken.

Wie sehr man in diesen vorgegebenen Denkmustern verstrickt ist merkt man auch eigentlich erst, wenn man Romande liest, die völlig andere Protagonistinnen darstellen. Mein bestes Beispiel aus der letzten Zeit ist „The Fifth Season“ von N.K. Jemisin. Ein Science-Fiction Roman der so gut und so ungewöhnlich ist, dass ich gleichzeitig Angst habe und es nicht erwarten kann, den zweiten Teil zu lesen. Hier sieht man einfach, was für ein enormes Potential darin schlummert, Heldinnen auf andere Art darzustellen.

Photo by rawpixel.com on Pexels.comEin ganz eigenes Kapitel neben Ethnizität ist natürlich auch die Sexualität, die ein Held besitzt. Ich bin ja ein sehr großer Anhänger von LGBTQ Literatur und ständig auf der Suche nach guten Werken. Ganz oft bekomme ich dann aber nur ziemlich weichgespülte Liebesgeschichten mit Sex-Szenen. Romane, in denen das schwul oder lesbisch sein des Helden oder Heldin nur eine untergeordnete Rolle spielen und es eben einfach um die Geschichte geht, sind eine absolute Seltenheit. Belehrt mich gerne eines Besseren und schickt mir möglichst viele Empfehlungen, wenn ich falsch liegen sollte.

Und was ich einfach noch so gut wie gar nicht gefunden habe ist eine transgender Geschichte, möglichst aus dem Bereich Fantasy oder Science-Fiction, wo die Geschlechtsangleichung nicht das zentrale Thema ist. Selbst Geschichten, in denen es das zentrale Thema ist sind dünn gesät.

Es ist dann auch nicht weiter überraschend, dass fanfiction Schreiber oft ihre liebsten Geschichten dahingehend umwandeln, dass sie sich selbst oder das was ihnen wichtig und nahe ist, repräsentiert sehen.

Ich weiß, dass es oft ein Argument ist, dass Geschichten, die „anders“ sind eben nicht den Massengeschmack treffen. Ich finde, das muss in diesem Fall einmal zweitrangig sein und jeder, der Geschichten auf irgendeine Art an die Öffentlichkeit bringt sollte sich Gedanken darüber machen, inwieweit unsere Gesellschaft tatsächlich darin repräsentiert ist, oder ob es sich wieder nur um ein paar Privilegierte dreht, die sowieso schon in zigtausend Geschichten alle erdenklichen Arten von Abenteuern erlebt haben.

3 Gedanken zu „Schreiben und Verantwortung

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