Rezension: Das flüssige Land

Die Gemeinde Groß-Einland, nur über einen fast vollkommen überwucherten Waldweg zu erreichen, versinkt in dem Loch, das durch Bergbauarbeiten unterhalb des Ortes entstanden ist. Ich-Erählerin Ruth erreicht das Städtchen auf der Suche nach der cover_fluessige_landGeschichte und Herkunft ihrer kürzlich bei einem Autounfall verstorbenen Eltern. Will sie sie zunächst nur an diesem Ort begraben lassen, wir sie schnell in die verschrobene und gleichzeitig eingeschworene Gemeinschaft des Ortes hineingezogen.

Die Gräfin, die alle Fäden im Dorf in der Hand hielt und fast die komplette Gemeinde besitzt, beauftragt sie damit, ein Füllmittel zu finden, für das Loch, das die Gemeinde vollständig zu verschlucken droht.

Schnell findet Ruth heraus, dass es Unstimmigkeiten gibt. In Groß-Einland verschwinden immer wieder Menschen. So ist zum Beispiel der Verbleib von 750 Getöteten aus dem nahe liegenden Konzentrationslager ungeklärt. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Ruth findet Verbindungen zum Loch, das Abzweigungen in viele Gärten der Anwohner hat.

Geradezu bildlich zeigt sich in Groß-Einland, wie Verdrängung funktioniert. Risse bilden sich und werden zugespachtelt, oder verstellt. Ganze Plätze sinken ein und die Bewohner der Stadt umgehen sie, einander freundlich grüßend. Keiner würde jemals den Anderen auf den Zerfall des Hauses ansprechen, auch wenn dieser noch so offensichtlich ist.

landscape photo of a village by a snowy mountain
Photo by Rohan Shahi on Pexels.com

An manchen Stellen bleibt die Geschichte abstrakt und dann funktioniert sie meiner Meinung nach am besten. Manchmal zeigt die Autorin fast zu offen auf, worum es ihr geht. Ich habe Anklänge von Kafka gefunden, auch wenn dessen Grad von Abstraktion nicht erreicht wird und dadurch auch nicht die gleiche Alptraumhaftigkeit. Dennoch erschaudere ich auch tief vor der Gemeinde Groß-Einland, in der ich so viele Verhaltensweisen unserer modernen Gesellschaft wiedererkenne. Ich ziehe den Hut vor der Aurotin Raphaela Edelbauer, der es gelungen ist das einzufangen, was dazu führt, dass sich gewisse schreckliche Szenarien immer wiederholen, da sie eingemauert, zugegossen und versenkt werden.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s