Kategorie und Chaos

Chaos often breeds life, when order breeds habit.” – Henry Adams

Für viele Arten von Geschichten, wie zum Beispiel die Heldenreise, die Liebesgeschichte oder die Suche, gibt es ein Schema, das sich oft wiederholt, wenn man viel in dieser Richtung liest. zum einen ist das natürlich darin begründet, dass es nur eine begrenzte Anzahl von grundlegenden Mustern gibt, um Geschichten zu erzählen und diese werden seit den Epen der Antike immer wieder in neuen Varianten veröffentlicht. Außerdem funktionieren wir offenbar auch so, dass ein bestimmter Aufbau einer Geschichte mit einem frühen Spannungselement und einem Höhepunkt in der Mitte uns besonders ansprechend erscheint und deswegen erfolgreicher ist.

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Zunächst einmal ist es ja auch kein Problem, wenn es gewisse Muster gibt. Was ich allerdings als problematisch empfinde ist, wenn man das Gefühl bekommt, dass es nicht wirklich eine andere Art geben kann, eine Geschichte zu erzählen. Manchmal denke ich, wir sind an gewisse Stereotype bereits so gewöhnt, dass es uns schwer fällt, überhaupt in anderen Bahnen zu denken. Das kann sich sowohl auf Charaktere beziehen, bei denen ein Attribut fast automatisch ein anderes bedingt. So wird zum Beispiel ein sportlicher, gut aussehender mensch fast automatisch auch als beliebt und extrovertiert beschrieben.

Auch an den Verlauf einer Liebesgeschichte haben wir bestimmte Erwartungen. Nach einigen Hindernissen findet das Liebespaar – in den meisten Fällen natürlich Mann und Frau – doch noch zueinander, auch wenn zumindest einer von beiden am Anfang nicht interessiert schien. Diese Geschichte gibt es in unzähligen Variationen immer wieder und Abweichungen davon werden von Lesern oder Zuschauern oft abgelehnt.

Genauso empfinde ich es auch manchmal als ziemlich beengend, dass Literatur immer in bestimmte Genres eingeordnet wird, und von Autoren erwartet wird, dass sie die Erwartungen der Leser an dieses Genre auch erfüllen. Natürlich sind auch solche Einteilungen sinnvoll, damit man auf dem Buchmarkt eine bessere Orientierung hat und eher das findet, was man sucht. Allerdings finde ich es schade, wenn diese Kategorisierungen zu einer Zensur im Kopf von Autoren führen.

Möglich, dass Geschichten unsere Welt widerspiegeln, aber zu einem Teil formen sie eben auch die Erwartungen, die wir an eine Welt haben. Es sind ja nicht nur Bücher, sondern natürlich auch Filme und Serien, die Geschichten erzählen und immer mehr konsumiert werden. Und darum finde ich es persönlich immer bewundernswert, wenn ein Schreiber es wagt, sich über Erwartungshaltungen hinweg zu setzen. Ein Beispiel dafür ist für mich Wolfgang Herrndorf, der (Achtung Spoiler!!) Tschick am Ende des Romans Maik gestehen lässt, dass er schwul ist. Weder kreist der gesamte Roman um dieses Thema, noch ändert das etwas an der Freundschaft der Jungen. Außerdem lässt sich “Tschick” nicht so leicht einem Genre zuordnen und es steht nicht wie bei Jugendromanen oft üblich eine heterosexuelle Liebesgeschichte im Vordergrund. Jane Austen ist für mich ebenfalls eine Autorin, die ihre weiblichen Figuren auf angenehme Art oft gegen die Erwartungen ihrer Zeit handeln lässt.

Ich frage mich ob es mit einer etwas größeren Varianz an Möglichkeiten wie eine Geschichte sich entfaltet und einer größeren Vielfalt von Figuren von Anfang an, vielleicht möglich wäre, dass Menschen eine etwas offenere und tolerantere Haltung entwickeln.

Wie siehst du das? Sind Muster und Kategorien wichtig und gut oder eher beengend? Sind sie für unsere Orientierung notwendig, auch in Geschichte oder könnte es wirklich wichtig sein, Erwartungshaltungen nicht zu erfüllen? Wenn du mir außerdem ein Buch empfehlen kannst, in welchem Muster aufgebrochen werden und das anders verläuft als man es erwarten würde, wäre ich sehr dankbar!

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